Dies & Das

Ein Hoch auf Quereinsteiger - seid mutig, fangt neu an! Ihr schafft das!

Dies & Das

Ohne Umwege eine stringente Karriere verfolgen – ist das wirklich so wichtig?

Roter Faden in der Karriere?

Seit ich mit dem Abitur in der Tasche und mit einem NC, mit dem mir alle Türen offen gestanden hätten, vor der großen Qual der Wahl stand, was ich bloß studieren sollte, verfolgt mich die Diskussion von der Stringenz im Lebenslauf und dem berühmt-berüchtigten roten Faden. 

Ich finde die Leute, die sehr früh wissen, in welche Richtung sie gehen möchten, um ein bestimmtes und schon früh bekanntes berufliches Ziel zu erreichen, höchst beeindruckend. 

Bei mir funktionierte das schon bei der Hobbyauswahl nicht. 

So habe ich eine wirklich wahnsinnig breit gestreute Auswahl an Freizeitaktivitäten ausprobiert: von Ballett über Handball, Springreiten bis Singen im Gospelchor war alles dabei. Von diesen Hobbys pflegte ich vier bis fünf die Woche und wurde nur von der schrecklich limitierten Zahl der Wochentage daran gehindert, noch mehr zu machen. Schon damals musste ich mir von meinen Eltern anhören, ich könne wirklich, aber wirklich nicht immer „auf allen Hochzeiten tanzen“. 

Das wollte ich aber, auch im Studium. Da damals die akademische
Interdisziplinarität noch nicht soooooo ausgeprägt war wie heute (Stichwort: Angewandte Freizeitwissenschaften), gab es glücklicherweise genau einen Ort in Deutschland, wo ich einen BA in Internationale Beziehungen machen konnte: an der TU Dresden. Ich fand es: das Studium, in dem ich auf hohem Niveau endlich alles studieren konnte, was ich wollte, ohne mich nur auf ein Fach konzentrieren zu müssen. Also: Wirtschaft mit den Wiwis, Internationales und Europäisches Recht mit den Juristen, Politik und Geschichte mit den Geisteswissenschaftlern und ein paar Kurse nur für uns 34 per strengem Bewerbungsverfahren auserkorenen Multifunktionsstudenten. Ich kann euch sagen, diese vielen Hochzeitstänze waren sehr, sehr anstrengend. Aber: genau das Richtige!

Nur stellte sich nach dem Abschluss die große Frage: Was macht man bloß, wenn man alles ein bisschen kann, aber kein Spezialist in irgendetwas ist? Keine Ärztin, keine Ingenieurin, aber gut ausgebildete IB-lerin? Meine Antwort war: erstmal einfach weiter, Hauptsache mit Herz und Verstand. Das Wichtigste lernt man „on the job“.

Letztlich habe ich seit Ende meines Studiums in meinen beruflichen Positionen extrem viel Verantwortung und Aufgabenfelder innegehabt, die breitgefächerter nicht hätten sein können: Marketingprojekte für Esprit in New York, Projektmanagement im Bereich Emerging Markets Resarch in Indonesien, Algerien, Thailand und der Türkei, Öffentlichkeitsarbeit und Startup-Betreuung für die Höhle der Löwen, nebenberuflich selbstständig mit einer eigenen Kommunikationsberatung.... Jeder Personaler hätte wohl größtmögliche Schwierigkeiten, einen roten, was sage ich; überhaupt einen rosa Faden in meinem Lebenslauf zu finden. Die geschulten Augen der Human-Resources-Spezialisten mögen denken: Diese Dame hat zwar immer interessante Dinge gemacht, sie ist aber beruflich hin- und hergeweht wie eine Fahne im Wind. Doch hier liegt genau der gedankliche Fehler: Zwar war jede Aufgabe, die ich übernommen habe, ein gepflegter Quereinstieg, jedoch keine einzige Entscheidung war unüberlegt.

Allrounder sind gefragt!

Denn: Ich bin jedes Mal meinem Instinkt einerseits und meiner Überzeugung andererseits gefolgt, dass ich mich als Generalistin in jede neue Rolle hineinarbeiten konnte. Dies kam nicht ohne zweifelnde Fragen an mich selbst: Wo liegt mein größtes Talent? Wie gut „platzierbar“ macht mich das im Arbeitsmarkt? Muss ich mich eigentlich irgendwann spezialisieren?

Heute habe ich erkannt: Allrounder braucht das Land.

Es liegt eine Fähigkeit darin, eben KEINE Inselbegabung zu haben, sondern die Spielerin zu sein, der auf allen Positionen eingesetzt werden kann. Denn: Nicht jeder hat das Talent (und/oder Lust!), als „personifizierte Schnittstelle“ zwischen vielen verschiedenen Abteilungen zu fungieren und diese zu koordinieren. Es bedarf auch Fähig- und Fertigkeiten, sich schnell in unterschiedliche Anforderungsbereiche einzuarbeiten. Man muss zudem ein absoluter Teamplayer sein, der oder die weiß, sich auf vielen verschiedenen Wellenlängen der Kollegen zu bewegen. Es bedarf einer Networking-Liebhaberin, die zur richtigen Zeit die richtigen Menschen für das Unternehmen kennenlernt und mit diesen erfolgreiche Projekte realisiert.

Und: Die immer 150 Prozent gibt, weil sie es liebt, in unbekannten Gewässern zu schwimmen und diese zu erobern. Ein kleines Strebertum-Gen bringt sie mit, auch diese neue Aufgabe gut zu meistern, auch wenn sie einen in ein komplett unbekanntes Wissensgebiet vorstoßen lässt. Diese Energie, diese Willenskraft und Strebsamkeit bringt eine gute Quereinsteigerin, einen genialen Generalisten hervor. Das Geheimnis des Erfolgs liegt letztlich nicht bei jedem in der einen Fähigkeit, die er oder sie perfekt beherrscht, sondern bei vielen in ihrer Multifunktionalität und Wandlungsfähigkeit. Habt Mut zur Lücke, habt Mut zu Umwegen, habt Mut, die Mitte zu sein, habt Mut, quer zu schlagen, habt Mut, generell gut, aber nicht perfekt zu sein.

Daher mein Plädoyer gegen die beständige Suche nach roten Fäden und gegen angestrengte Lebenslaufkosmetik. Dafür eine Hommage an mutige Quereinsteiger, berufliche Chamäleons, Generalisten.

Sie sind gefragt wie nie.

 

Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst in der Edition F - den Link dazu gibt es hier: https://editionf.com/Eine-Hommage-an-Generalisten-und-das-Quereinsteigertum

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