Dies & Das

Über Digitalisierung - Überdigitalisierung?

Dies & Das

Grundsätzlich kann man gegen die nicht zu stoppende Digitalisierungsflut wirklich nicht Schlechtes sagen. Aber geht es manchmal nicht ein wenig zu weit?

Wir alle profitieren von den unendlichen Weiten und Möglichkeiten des Internets – wir schreiben das Jahr 2016. Egal ob das digitale Bilder-mit Filter-Buch Instagram, die digitale „schau her wie toll mein Leben ist“-Plattform Facebook, der digitalisierte Augenblick Snapchat oder die digitale jetzt-nicht-mehr-so-stille-Post Twitter: Wir alle erfreuen uns an einer neuen Form der Informationsvielfalt in Bezug auf (ehemals) Privates und natürlich über Nachrichten aus aller Welt.

 

Des Weiteren ist nicht der neue Komfort zu unterschätzen, den uns die Digitalisierung ermöglicht hat: Schnell mal nachschauen, ob der Zug Verspätung hat, schnell mal per Handy ein Auto ausleihen, das da für die Allgemeinnutzung in der Nachbarschaft herumsteht, schnell mal online Kinotickets kaufen, damit man nicht ohne Geburtstagsgeschenk eine Stunde später auf der Party aufkreuzt. Schnell mal der Schwiegermama online einen Blumenstrauß bestellt, bei Amazon einen Schmöker für den bevorstehenden Urlaub erstanden, bei ebay-Kleinenanzeigen einen Gartentisch gekauft oder ganz einfach von Zuhause bei Zalando eine Onlineshopping-Runde gedreht.

 

IST JA ALLES SUPER!!!

 

Die Frage ist nur- wann und wie werden eigentlich die Grenzen der unerschöpflichen Digitalisierungslust gesetzt? Mir stoß es zuletzt analog leicht übel auf, als ich mit meinem Freund in einem Düsseldorfer Hotel übernachtet hatte und wir uns morgens nach dem Aufstehen langsam daran machten, unsere Sachen zu packen. Mich erreichte eine freundliche Mail des ebengleichen Hotels in dem wir uns befanden, ich könnte jetzt online auschecken.

Sorry, aber AUS-CHECKEN?!?

Ich war oben auf der 8. Etage des Hotels, es würde mir so und so nichts anderes übrigegbleiben als mit dem Fahrstuhl herunter zu fahren und die Lobby zu durchqueren, um das Gebäude zu verlassen. Da sollte ich die netten Damen an der Rezeption nun einfach ignorieren und von oben online AUS-CHECKEN? WARUM?! Haben sie da unten so Schreckschrauben hingesetzt, dass sie uns nun empfehlen, jeglichen Menschenkontakt mit dem Servicepersonal zu vermeiden und lieber anonym und wortlos, aber natürlich digital ausgetragen das Hotel zu verlassen?

 

Hmmmm....

 

Sowohl die zweite, als auch die dritte Situation dieser Natur erlebte ich auf der Reise: Ich beendete gerade einen wunderbaren Trip in die USA und erreichte den Flughafen San Francisco. Nun sind wir in unserer Generation es ja bei kurzen Flügen durchaus gewohnt, schon online eingecheckt zu haben und dann nur unsere Koffer beim Schalter abzugeben. Für Langstreckenflüge aber genieße ich durchaus noch den Austausch mit einer meist kompetenten und freundlichen Airline-Servicekraft: Was ist Ihre finale Destination? Wieviele Gepäckstücke geben sie auf? Gang oder Fenster?

Nicht aber hier: Beispielhaft für viele andere Reisende möchte ich ein völlig desorientiertes und hilflos suchendes älteres Ehepaar beschreiben, die nach 15 minütiger Suche quer entlang der Flughafen-Schalterpromenade feststellen mussten, dass es bei United Airlines einfach NUR AUTOMATEN gab, bei denen man einchecken musste. Den Koffer musste man dann selbst mit dem zuvor aus dem Automaten herausgesprungenen Sticker versehen, welcher wiederum dafür sorgt, dass nicht nur der Reisende, sondern auch das Gepäck das gewünschte Flugziel erreichte. Also ein an Relevanz nicht zu unterschätzender Vorgang. Um es kurz zu machen: Es bedurfte letztlich zwei Mitarbeiter des Flughafenpersonals, die herangerufen wurden, um das Ehepaar (und danach auch uns) abzufertigen. Die Frage ist nun: Wo genau liegt hier der Vorteil an der Digitalisierung, beziehungsweise des versuchten Entmenschlichung dieser Prozesse? Weder ein Zeitersparnis, noch Bequemlichkeit, noch das Überflüssigmachen der Arbeitskräfte...

 

Ähnlich erging es mir, als wir bei einem Zwischenstopp am New Yorker Flughafen, völlig ausgehungert (nein, ich kann bestätigen: Essen ist noch nicht online möglich!) in einem Sushi-Restaurant Platz nahmen. Leider sah ich nicht meinen Reisegefährten gegenüber vor mir, sondern starrte auf einen Tablet-Bildschirm, der auf jedem (!) Gedeck vor einem aufgestellt war. Statt gemütlich ein Speisemenü in der Hand halten- und die Sushi-Angebote durchblättern zu dürfen, wurden wir nun gezwungen, unsere Essenswünsche digital auszuwählen. Selbstredend war es auch nicht vorgesehen, dass wir mit einer freundlichen Bedienung kommunizierten, die uns gegebenenfalls Empfehlungen des Tages, persönlichen Essenshighlights oder Ähnliches verraten könnte. Nein, wir sollten bloß im Drop-down unsere Makis, California Rolls, etc. auswählen. Da leider in unserem Fall weder die Bestellfunktion, noch das im Anschluss geforderte „swipen“ der Kreditkarte funktionierte, mussten wir am Ende doch aufgeben und uns der analogen Welt bedienen: Einer der wenigen Kellner, deren Anwesenheit das Restaurant noch erlaubte, kam zur Hilfe. „Hätten wir nicht gleich bei Ihnen bestellen können?“, fragten wir. Nein, das sei leider nicht erlaubt, so die Antwort....

Kein Kommentar...

Die Krönung des Ganzen war dann, als ich von einer neuen, großartigen Erfindung hörte: Einen mit kleinen Motoren durchwebten Schal, der mit einer (natürlich) App verbunden ist. Über diese App können nun Partner ihrem Schatz digitale Streichelheiten senden, die vom Schal entsprechend wiedergegeben werden. Ein „taktiles Vergnügen“ soll es bereiten- ganz einfach digital gesteuert, kein Körperkontakt nötig. Hashtagbittedasnichtauchnoch! Jemanden kennen lernen sollen wir inzwischen digital, uns digital austauschen, meinetwegen auch digital mit sexy Nachrichten und Fotos antörnen, aber dann auch noch streicheln? Hashtagdasgehtzuweit!

Wie gesagt, ich finde es alles voller wunderschöner Digitalromantik, was wir hier gerade erleben, aber: Manchmal reicht es auch....

PS. Ich freue mich über digitale Zuschriften bezüglich dieses Beitrags, aber natürlich auch gerne über einen anfassbaren Brief im Briefkasten. Ja, den gibt es auch noch physisch!

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