Inspiration

Als sich meine Träume erfüllten, die ich nicht geträumt hatte

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Seit ich klein bin, habe ich Aphorismen geliebt und mir diese fantastischen kleinen Lebensweisheiten schön illustriert an die Wand gehängt:

 

 „Träume nicht dein Leben, lebe deine Träume!“

 

„Die Zukunft gehört denjenigen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben“

 

„Ein Traum ist unerlässlich, wenn man seine Zukunft gestalten will.“

 

und so weiter.

 

Ständig ist von den großen Träumen die Rede, die man verfolgen und leben und verwirklichen soll und bloß nicht verschlafen darf. Als kleine vierzehnjährige fühlte ich mich inspiriert. Ich recherchierte weiter zum Thema Lebenstraum. Schien so als müsste man so was haben. Als sei irgendwo eine unsichtbare aber trotzdem präsente Erwartungshaltung da: Träumen sollte man.  

 

Ich stellte mir zum ersten Mal selbst die Frage: Was ist denn eigentlich mein Traum?

 

Ich zog mich damals als erste Konsequenz erst einmal in mein Zimmer zurück und dachte mir, der beste Traum-Aderlass ist bestimmt, mein Tagebuch mit meinen Träumen zu versorgen. Wie richtige Teenager das eben so tun. Die Seite blieb leer. Was zur Hölle sind eigentlich meine Träume? frage ich mich fast ein wenig verzweifelt, irritiert.  Eine berühmte Schauspielerin sein? Erschien mir schon da nicht zufriedenstellend. Justin Timberlake von N’Sync heiraten? Zu banal. Den Mount Everest besteigen? Realitätsfremd. Die Welt umsegeln? Zu gefährlich. OK vielleicht sind meine Träume zu sehr dem Wirklichkeitscheck unterlegen.

 

Traum-Umfrage

Meine kleine Schwester war damals fünf Jahre alt – mal schauen, was man sich bei ihr zu dem Thema Traum so abholen kann. Wovon träumen kleine Neunmalkluge? Antwort: „Ich will eine Bäuerin sein und Lasse [ihr Zwillingsbruder] soll der Bauer sein. Wir haben viele Hängebauchsweine und Hühner.“ So steht es also um die Träume in meiner Familie.

(Später wird sie noch hinzufügen: Wenn das mit der Bäuerin nicht klappt, wäre ihr zweiter Traum eine Oma zu werden. Okay das macht irgendwie Sinn.)

 

Teenagertraum wegen nicht-Existenz geplatzt.

Ich bekomme den Teenagertraum nicht formuliert. Das Projekt Traum wird zurückgestellt. Als ich volljährig werde, fängt sie mich voller Wucht wieder ein. Ja was ist er denn nun eigentlich, DEIN Traum? Alles, woran ich denken kann, ist materialistisch. Ein schönes Haus, beruflicher Erfolg, ein eigenes Segelboot haben.  Um die Welt fliegen und sie entdecken. Habe ich mehr nicht zu träumen, denke ich? Ich recherchiere. Es scheinen dass die, welche nach Träumen fragen, vor allem an Karrierewünsche und Traumjobs zu denken. Die Kinderärztin, die Anwältin, die Journalistin – das sind Träume, die akzeptiert werden. Die ausreichen.

 

Sollte denn ein Traum genau nicht etwas zum Anfassen, zum Beschreiben, so etwas Formales wie ein Berufswunsch sein? Ist es nicht ein Zustand?

 

Leichtsein, frei sein, einfach sein. Das möchte ich in die fragenden Gesichter der Traumfinder sagen. Der Karriere- und Lebensberater. The lightness of being - das wünsche ich mir. Aber Moment - zählt das als Traum?

 

Ich kam einfach nicht weiter.

 

Bis an diesem einen großen kleinen Tag im Jahr, viele Jahre später. Es war kein besonderer Tag, sondern die Luft roch wie immer, es war halb warm - wie immer im Hamburger Sommer. Ich auf dem Fahrrad. Ich gebe Gas, der Wind weht mir um die Ohren. In den Ohren spielt mein ipod eines meiner Lieblingslieder. Da passiert es.

 

Mein Traum, den ich nie ausgeträumt hatte, war wahr geworden.

 

Ich stellte fest, ich war glücklich.

Ich stellte fest, ich war nicht mehr auf der Suche.

Ich stellte fest, ich musste nicht den einen großen Traum geträumt haben, sondern den Zustand gefühlt haben.

Es war kein Beruf, es war kein Besitz, es war kein Status. Sondern der einfache Zustand des kleinen Glücks.

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