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Mein t3n-Artikel: "Eine Ode an Neo-Generalisten"

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--- Ich bin immer noch überwältigt von der Resonanz auf mein Kommentar auf t3n.de zum Thema Neo-Generalistentum: Seit Erscheinung Ende Dezember errechten mich hunderte Mails, Nachrichten, LinkedIn-Anfragen. Daher möchte ich diesen Artikel gern auch hier noch einmal teilen. Viel Freude und Inspiration beim Lesen. Vielleicht findet sich der Eine oder Andere ja wieder?  

Ganz Deutschland redet vom Fachkräftemangel. Aber was ist eigentlich mit den Menschen, die viele Dinge ganz gut können, sich aber in keinem Fachgebiet richtig niederlassen wollen?

Neulich war schon wieder so eine Situation: Ich traf nach langer Zeit einen Studienkollegen wieder. Er erzählt, dass er inzwischen bei einer bekannten politischen Stiftung arbeitet – kurz nach unserem Studium hatte er dort angefangen und sich hochgearbeitet. Er fragte mich, was ich seit unserem Uniabschluss denn so getrieben hätte. Ich sagte: „Erzähle ich dir sehr gern. Hast du ein wenig Zeit?“ Denn die Sache mit dem Beruf bedarf bei mir einer längeren Erklärung. Nicht, dass ich nicht auch erfolgreich wäre. Im Gegenteil – es läuft eigentlich sehr gut. Doch bei mir war es eben kein fein asphaltierter, gerader Berufsweg, sondern eine kurvenreiche Schnellstraße.

Ich befinde mich inmitten Karriere Nummer 4.

Ich habe lange damit gehadert, einen beruflichen Zickzack-Kurs eingeschlagen zu haben. Oft wünschte ich mir, auf die Frage nach meiner Arbeit einfach antworten zu können: „Ich bin Ingenieurin/Ärztin/Lehrerin.“

Berufliche Chamäleons

Heute habe ich mich damit abgefunden, eine Multifunktionalistin zu sein. Ja, ich bin sogar ein bisschen stolz darauf. Seit Kurzem weiß ich sogar, dass es einen Begriff für diese Spezies wie mich gibt: Neo-Generalisten. Darauf gebracht haben mich die Autoren Kenneth Mikkelsen und Richard Martin mit ihrem gleichnamigen Buch. Sie definieren Neo-Generalisten darin so: „Neo-Generalisten widersetzen sich dem Schubladendenken. Sie sind Nomaden, die in ihrer Karriere verschiedenste Bereiche durchkreuzen, und zwischen Kategorien und Labeln leben. Sie nutzen und begrüßen neue Möglichkeiten, anstatt sich vor ihnen zu fürchten und sie von sich zu weisen.“

Neo-Generalisten sind also berufliche Chamäleons. Sie sind neugierig, abenteuerlustig und erfinden sich immer wieder neu. Genau so erging es mir auch: Zwar musste ich ständig daran denken, dass Personaler wohl ihre Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden, wenn sie meinen Lebenslauf sähen, aber: Ich liebe neue Herausforderungen. Vieles interessiert mich. Nichts begeistert mich genug, dass ich nur das machen wollte.

Ich habe als Projektmanagerin in Bangkok angefangen und als Länderdirektorin in Istanbul meine Auslandszeit beendet. Ich habe im Bereich Fernsehen, Venture Capital und Corporate Communications gearbeitet, bin jetzt Eventmoderatorin, PR-Beraterin, Pitchtrainerin und bringe Startups und Corporates zusammen. Ich bin Mompreneur geworden. Ich habe ein Buch geschrieben. Klingt willkürlich? Zufallsbedingt? War es auch. Aber nie unüberlegt. Ich bin vielen Chancen gefolgt, die mir das Leben geboten hat. „Wenn das Glück kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen!“, hieß eins meiner Lieblings-Kinderbücher. Ein früher Leitsatz für spätere Schatzsucher?

Meine Frage ist: Wo seid ihr, meine lieben Neo-Generalisten da draußen, die ähnlich denken, handeln und sich wandeln? Ich suche Gleichgesinnte. Ich glaube, es ist gut, dass es uns gibt.

Denn die Erfahrung zeigt auch, unsere Gesellschaft blickt eher skeptisch auf Generalisten: Sind das nicht berufliche Zugvögel, die sich nicht binden können? Sind sie in den vorherigen Positionen schlichtweg nicht gut genug gewesen, sodass sie sie verlassen mussten? Können diese Leute nicht alles ein bisschen, aber dafür nichts richtig, wobei man sich doch spezialisieren und auf eine Sache konzentrieren müsste?

So ist unsere Gesellschaft geprägt – sie sucht Spezialisten und mag es, Menschen in Schubladen zu stecken. Das macht sie für sie einfacher. Ein erfolgreicher Karriereweg definiert sich hierzulande gern im immer spitzer werdenden Expertentum: „Professorin für … Doktorandin in … Spezialistin der ….“ Das ist perfekt für die, die sich brennend für ein Thema oder eine Sache interessieren und sich über die Jahre immer tiefer in die Materie einarbeiten. Doch für die Multifunktionalisten unter uns ist das nichts – wir können und wollen nicht verweilen.

Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip

„Das habe ich noch nie versucht, also bin ich mir ziemlich sicher, dass ich das kann!“ – so herrlich selbstüberzeugt sind heutzutage leider meist nur Kinder. Kinder, die täglich mit Aufgaben konfrontiert werden, die sie noch nie zuvor gemacht haben und einfach mal davon ausgehen, dass sie es lernen werden. Sie probieren und üben so lange, bis sie es können. Der Wille ist der Weg! Bei Erwachsenen geht dieses instinktive Vertrauen in die eigene Kraft leider schnell verloren.

Warum eigentlich? Vielleicht, weil wir schon in der Schule dazu erzogen werden. Die Frage „Was willst du später einmal werden?“ zielt auf eine klare Antwort ab. Tierärztin, Polizist, Astronautin.

Dabei wäre es viel schöner, weniger in Grenzen zu denken, sondern in fluiden Strukturen und Möglichkeiten, die durch transdisziplinäres Denken, Lernen und Arbeiten entstehen. Neo-Generalisten funktionieren laut Mikkelsen und Martin genauso: Sie überwinden starre Muster, sind aber trotzdem keine Fähnchen im Wind. Im Gegenteil: In jedem Karriereweg, den sie einschlagen, arbeiten sie sich mit Leidenschaft in neue Felder ein und werden zu Spezialisten. Der Unterschied ist, dass sie sich nicht in diesem Spezialistentum ausruhen, sondern wie Reisende nach einer Zeit weiterziehen – auf zu neuen beruflichen Ufern.

Die Autoren warnen in ihrem Buch vor dem Spezialistendenken, das nach wie vor die Arbeitswelt beherrsche. Aber auch durch die fortschreitende Digitalisierung und die grenzenlosen Möglichkeiten, die das Netz bietet, weitet sich der Kreis der unermüdlichen Zickzackfahrer. Mikkelsen und Martin argumentieren, dass Generalisten wichtiger seien denn je. Denn sie brächten Weitsicht, Erfahrungen aus vielen verschiedenen Feldern und einen frischen Blick auf oft eingefahrene Prozesse und Strukturen mit in ihre Arbeit. Wer ist in der Lage, die viel diskutierte „New Work“-Gedankenschule wirklich zu leben? Neo-Generalisten sind hier Spitzenkandidaten. Sie sind flexibel, unabhängig, aber immer zuverlässig, denken zukunftsorientiert, produzieren neue Ideen, experimentieren.

Wandelbarkeit als Stärke

Dass dies anerkannt und wertgeschätzt werden sollte, ist richtig: Es liegt auch eine Fähigkeit darin, eben keine Inselbegabung zu haben, denn wir brauchen Kollegen, die schnell auf einer neuen Position eingesetzt werden können. Leute, die wandelbar sind und sich gern in neue Anforderungsbereiche einarbeiten. Die als Schnittstelle zwischen Abteilungen und Menschen fungieren. Die immer wieder in komplett unbekannte Wissensgebiete vorstoßen. Das ist nicht jedermanns Sache. Gut so! Doch diese Energie, um neue Dinge anzustoßen, die Willenskraft und Strebsamkeit, um diese dann auch erfolgreich zu meistern, die bringen gute Neo-Generalisten mit.

Natürlich gibt es auch eine Kehrseite: Neo-Generalisten genießen keine Stabilität. Sie können die Frage, wo sie in fünf Jahren stehen werden, kaum beantworten – das einzig Konstante in ihrem Berufsleben ist der Wandel. Ein gewisser Grad an Unsicherheit ist ihr Berufsrisiko. Vielleicht brauchen oder wollen sie diese Sicherheit aber auch nicht. Das ist auch meine Devise. Nein, ich habe keinen Zehnjahresplan, nein, ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, denn es ist noch nicht absehbar, welche Tür sich öffnet und welche sich wieder schließt. Eins steht aber fest: Ich werde sie mir selbst gestalten.

 

Liebe Neo-Generalisten da draußen: Regt euch weiter! Habt weiter den Mut, habt weiter die Neugier, wandelt (euch) weiter!

 

Link zum Originalartikel: https://t3n.de/news/vergesst-spezialisierung-ode-1233207/

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