Internationales

Eine von 80 Millionen - warum das Zurückkommen nach Deutschland schwieriger ist, als das Ankommen im Ausland

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Fünf Jahre lang bin ich zunächst für mein Masterstudium nach London, dann für ein Praktikum nach New York, dann für meine Firma nach Bangkok, Algiers, Jakarta und Istanbul gezogen. Dann wieder zurück nach Bangkok und noch einmal nach Istanbul. Viele meiner Freunde konnten es nicht begreifen, aber ich habe das Aus-dem-Koffer-leben g-e-l-i-e-b-t.

 Ich reiste mit leichtem Gepäck- besaß keine Möbel, sondern nur Klamotten. Ich war nie länger als 8 Monate an einem Ort; liebte jedes einzelne Ankommen und dachte nicht über den Abschied nach. Sagte oft good bye und viel hello. Ich liebte jeden ersten Spaziergang durch die neue Stadt, liebte den Geruch des Neuen und den Gedanken, dass diese noch unbekannten Ecken und Kreuzungen schon bald vertraute Bekannte von mir seien. Würde dieses Café vielleicht mein neuer Koffeinversorger des Vertrauens werden? Würde mich meine bald eintretende tägliche Routine zu diesem Straßenhändler führen, der mir mein Frühstück bereithielt? Würde er mich bald mit Vornamen ansprechen?

Es gibt ein paar Dinge, von denen viele annehmen, sie machen einem den Gang ins Ausland schwerer. Dazu gehört: Allein in ein fremdes Land zu gehen. Ich widerspreche bei Fragen oder Diskussionen in diese Richtung dann immer gerne – ich hätte nie so ein verdammt geniales Expatleben gehabt, wäre ich in einer Beziehung oder aber mit einer guten Freundin ins Ausland gegangen. Allein bedeutet: Es gibt keine Entschuldigung um nicht rauszugehen und Leute kennenzulernen. Kein Erbarmen dabei, seine Energie in neue Kontakte stecken zu müssen.

Doch: Egal wo ich war, ich fand schnell Anschluss. Warum? Weil die Expatcommunity sehr offen und kontaktfreudig ist: Man ist das Kommen und Gehen gewöhnt, jeder erinnert sich noch an seine eigenen Anfänge in dem betreffenden Land. Jeder möchte den Neuankömmlingen den Start so einfach wie möglich machen. Daher ist dieser Einstieg auch Gold wert: Expats sind extrem gut vernetzt, jeder kennt irgendeinen Besitzer eines Restaurants, Clubs, Hotels oder Serviced Apartment Komplexes. Schneller haben sich noch nie Türen geöffnet, wurde neuer Wohnraum gefunden, neue Lieblingsplätze zum Essen und Ausgehen etabliert.

Ich habe in jeder Auslandsstation extrem hart gearbeitet, aber hatte auch einfach die Zeit meines Lebens. Am Wochenende einen Vulkan besteigen? Fallschirmspringen? Eine Dschungelwanderung und Orang-Utans gucken? Oder sich doch lieber am Strand erholen? Das Leben war ein Abenteuer, der Spielplatz direkt vor der Haustür, die Optionen waren vielfältig und alle bestechend.

Weil ich der Entwurzelung entgegenwirken wollte, näher bei meinen Eltern sein wollte und aus irgendwelchen anderen Gründen, die mir heute partout nicht mehr einfallen, ging ich trotz des Luxuslebens zurück nach Deutschland. Ich wollte nicht in die typische Expat-Falle kommen; so nannten wir die Leute, von denen man sicher sein konnte, dass sie sich nie wieder in ihrer Heimat zurechtfinden würden.

Mein Herz fragte mich also: Wie wäre es vielleicht mal mit Dubai? Oder Singapur? Sydney?! Mein Verstand sagte: “Wenn du jetzt nicht zurück nach Deutschland gehst, schaffst du es niemals.” So kam ich zurück nach Hamburg. Und musste feststellen: Die Resozialisierung in der Heimat hat mir mehr zu Schaffen gemacht, als jedes Ankommen da draußen in der Welt. Wer hat eigentlich gesagt, dass nach Hause kommen einfach ist? „Leaving New York, never easy“ singen REM. Und Recht haben sie. Das gilt für New York, für Jakarta, na eben für alle Stationen.

Niemals hätte ich gedacht, dass es so verdammt schwer sein würde. Eine von 80 Millionen eben. Ich verlor meine Geheimsprache, weil alle anderen sie auch sprachen, ich verlor meine Lieblingssprache, weil ich hier nicht Englisch sprechen konnte, ich verlor mein Alleinstellungsmerkmal. Ich war nicht mehr „the German girl“ oder „the Merkel“ - nein, ich war leider jetzt eine von 80 Millionen. Abenteuer bestehen nun in Wochenendtrips nach St Peter Ording- im Winter vielleicht mal was ganz Verrücktes tun und in den Harz fahren?!?

Auch war es viel schwieriger, Anschluss zu finden. Der vordefinierte, leicht zugängliche Kreis der Expats entfiel nun. Wo also überhaupt anfangen, Leute kennenzulernen? Gerade in Hamburg gibt es eine hohe Dichte an tollen Freundeskreisen, die seit langem bestehen und auch noch lange Bestand haben werden. Das Problem: Die wollten gar keine Zurückgekommene wie mich “resozialisieren”, die hatten gar keine Lust oder keine Energie (oder beides), ein potentielles Neumitglied dazu zu laden und in den Kreis zu etablieren.

Ich vermisste es, weit weg zu sein. Auch wenn ich meine Familie über alles liebe, habe ich nie Heimweg gehabt. Die Heilung der berüchtigten Fernweh-Krankheit jedoch-  sie dauert.

 

Schlussendlich bin ich aber trotzdem dageblieben.

Ich habe hier tolle Freunde gefunden (alle zugezogen), bin in einer glücklichen Beziehung, habe meine erste feste Wohnung bezogen (wow, was für ein Schritt!), habe ein gutes Netzwerk aufgebaut und mich gerade selbstständig gemacht. Man kann sagen: Ich bin angekommen.

Was jedoch bleibt, ist die Sehnsucht in die Ferne- aber diese ist weniger schmerzlich, nur leicht melancholisch. Das Fernweh wird nun einfach durch viele viele schöne kurze oder längere Reisen therapiert.

Schön ist, jetzt an einen Ort zurückzukommen, wo eine gutfühlende Beständigkeit auf mich wartet. Und meine Möbel.

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