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Leben in Shanghai – 8 erste Beobachtungen

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Ich war so gespannt, wie es sein würde: Einen Monat lang eintauchen in das „Reich der Mitte“ wie die Chinesen ihr eigenes Land nennen. China, das bevölkerungsreichste Land der Welt - für uns ist liegt es eher im sehr weit entfernten Osten unseres westeuropäischen Sonnensystems.

Nach zehn Stunden lande ich am Shanghaier Flughafen und sitze schon bald im durch die Nacht flitzenden Taxi (das eine Autofahrt in dieser Megastadt überhaupt mit Adjektiven wie „flitzen“ verbunden werden kann, ist leider nur zu nächtlichen Uhrzeiten möglich. Das lerne ich aber erst auf schmerzvolle Art und Weise in der Rushhour der kommenden Tage).

Shanghai ist eine 24 Millionen Stadt und zugleich die größte Chinas. Hier befindet sich der Dreh- und Angelpunkt für den Handel und das Wirtschaftsgeschehen des Landes. Und obwohl Peking die Hauptstadt ist, ist ein Teil der Regierung hier angesiedelt – also auch der politische Zirkus ist der Stadt nicht fern. Shanghai ist pulsierend, abwechslungsreich und vor allem- recht voll.

Zwei Tage nach der Ankunft fühle ich mich zwar nicht zuhause, aber pudelwohl. Ein paar grundsätzliche Beobachtungen habe ich nach diesen ersten Tagen zu Papier gebracht:

 

1. Great Internet Wall

Die „Great Internet Wall“ ist zum Glück auch nicht mehr das, was sie wohl einmal war. Dank der zahlreichen VPN-Tunnel Anbieter, hat man einwandfreien Zugang zu Twitter, Facebook, Youtube und was noch so alles von der chinesischen Staatsführung als gefährlich eingestuft wird. Wichtig ist natürlich, dass man sich den Tunnel schon vor Abreise „gräbt“. Ich habe mich für ExpressVPN entschieden, weil man da direkt mehrere Zugänge zu einem guten Preis erhält. Andere Anbieter wie VyprVPN oder dem Schweizer Perfect Privacy tun es aber bestimmt genauso.

 

2. Grün!

Irgendwie hatte ich mir Shanghai viel dreckiger vorgestellt und chaotischer. Doch dem ist gar nicht so: Für eine der so genannten globalen Megastädte ist es erstaunlich aufgeräumt. Zwischen den Wäldern der imposanten, modernen Wolkenkratzer gibt es immer wieder kleine Oasen in Form von Parks und schönen Gärten. Hier kann man die Chinesen wunderbar beim Kartenspielen, Schattenboxen oder Tai Chi beobachten – ganz konzentriert und versunken, als seien sie ganz allein auf der Welt. Seit 2016 gibt es auch nach westlichem Vorbild Bikesharing in der Stadt: Das neue Fahrrad-Angebot wird überragend gut angenommen und entlastet den Verkehr erheblich.

Was alle überraschte in einer der größten Qualmer-Nationen der Welt: Seit 1. März 2017 gibt es auch hier ein Rauchverbot, welches hoffentlich brav eingehalten wird und Passivrauchern wie mir ein paar Jahre Leben schenken dürfte...

 

3. Warten an Ampeln als Erlebnis

Dann ist da die Sache mit den Ampeln. Diese sind grün oder eben leider, weil man nun auch am anderen Ende der Welt nur eine 50/50 Chanche hat, ziemlich rot. Das Problem: Chinesische Ampeln halten sich im Schnitt 2 Minuten mit einer Farbe auf. 2 Minuten, das fällt einem sonst vielleicht nicht so auf, aber ist eine LAAAANGE ZEIT. Da mit dem Shanghaier Verkehr nicht zu spaßen ist, verbringt man also kleine Ewigkeiten an Ampeln. Mein Tipp: Man darf diese auf keinen Fall als Wartezeit verbuchen – denn dann drohnt man als normal ungeduldiger Mensch verrückt zu werden. Besser ist es, sich interessiert umzuschauen, die mitwartenden Chinesen beobachten, vielleicht die eigene Mandarin-Aussprache bei einem freundlichen „Nǐ Hǎo“ zu testen (mit einer Antwort ist in jedem Fall eher nicht zu rechnen) und sowieso; Kreuzungen als kulturelles Erlebnis zu betrachten.

 

4. Chinesische Ladies gehen lieber nicht aus dem Weg

Es gibt ja in jedem Land, in machen Fällen sogar in jeder Stadt, unterschiedliche Hierarchien der Straße. Dies ist auch ganz klar in China so, nur ist diese leicht anders als bei uns. Chinesische Frauen, egal auf welcher Straßenseite man sich entlang angelt, werden einem schlichtweg nicht aus dem Weg gehen. Als sei ich mit meinen kleinen 1,74m und durchschnittlich zwei Köpfen größer trotzdem unsichtbar oder einfach nicht existent. Eine interessante Erfahrung. Daher sollte man da durchaus den Straßen-Slalom erproben – es lohnt sich. Auch sind Zebrastreifen so etwas wie weiße Lidstriche auf der Straße: Rücksicht nehmen Auto- und Rollerfahrer wegen dieses Asphalt-Makeups nicht. Für sein Überleben im Straßenverkehr muss man also besser selbst sorgen.

 

5. Smartphone-Nutzer in China: Immer und zu jederzeit.

Es scheint keinen Smartphone-freien Raum oder -Gelegenheit zu geben in diesem Land. Die Nutzung der Handys ist leicht furchterregend, weil exzessiv: Egal ob im Fitnessstudio während oder zwischen jeden einzelnen Übungen, ob beim Gehen, Stehen oder Rollerfahren, ob beim Tanzen oder im Meeting: Das Smartphone ist in ständiger Benutzung und kann anscheinend, wie früher die Tamagochi, nicht lange allein gelassen werden um zu überleben. Wenn man sich bei uns in Deutschland um den wachsenden Handy- und Social-Media-Konsum bei Kindern und Jugendlichen sorgt, ist das wahrscheinlich noch gar nichts.

Wechat bestimmt– nein, es IST das ganze Leben hier... Man kann mit nur einer Software, bezahlen, Taxi rufen, Geld senden, Flüge buchen, Shoppen, mit Freunden chatten oder die Familie anrufen. China ist wechat.

6. Englisch ist eine sehr fremde Sprache

Obwohl Shanghai eine durchaus internationale, offene Weltstadt ist, kann nicht davon ausgegangen werden, dass Englisch gesprochen wird. Englisch sagt sehr wenigen Chinesen etwas, wobei auch das generelle Interesse an einer Konversation eher begrenzt ist. Wenn es doch sein muss, sind Hände, Füße, vorgeschriebene Schilder oder eben natürlich ein entsprechend ausgerüstetes Handy die beste Kommunikationslösung. Wer länger im Land ist, sollte sich für wenig Geld eine chinesische Simkarte holen: Die SmartShanghai-App ist wirklich genial und „übersetzt“ Adressen für Taxifahrer.

 

7. Things in the mirror are closer than they appear

Man denkt schnell, da Shanghai so unfassbar groß ist und niemals aufzuhören scheint, dass man sich schlecht zu Fuß bewegen kann ohne einen ungewollten City-Marathon zu laufen. Dies stimmt nicht. Wenn also man im Hotel gesagt bekommt, dass sei ein langer Gang von ca 20 Minuten, so kann man nach 8 Minuten in normalem Tempo davon ausgehen, dass man da ist. Das macht es ungemein entspannt, denn man kann sich gut treiben lassen und die Stadt und ihre Kuriositäten so am besten kennenlernen.

 

8. Preise: Käse ist ein Luxusgut

Dies war mir vorher nicht klar, aber: Shanghai ist günstig und unfassbar teuer gleichzeitig. Aktuell ist es im Rennen um die teuerste Stadt der Welt ganz vorne mit dabei. Für uns werden so einerseits die eigentlich alltäglichsten Dinge zum Luxusgut: Ein Stück Käse kostet gerne umgerechnet 7 Euro – ein Latte Macchiato 5,20€ ? Dafür zahlt man aber für zum Beispiel eine Metrofahrt nur 40 Cent... So ist die Schere bei den Preisen so groß wie das Land selbst; so groß wie die Schere auch hier zwischen arm und reich ist.

 

Ich freue mich darauf, euch von weiteren Erfahrungen zu berichten...

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