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Tencent - der heimliche Tech-Gigant Chinas. Oder: Wie wechat in China das ganze Leben bestimmt

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Das Smartphone – unendliche Weiten. In Deutschland bedeutet dies: Eine Galaxie voller kleiner Apps auf unseren Endgeräten - für jede mögliche Aktivität eine andere. Wir haben eine App zum Nachrichtenschreiben (whats app), eine um anderen mitzuteilen, wie toll unser Leben ist (Facebook), eine für Fotos vom Lunch (Instagram), eine um zu Neuigkeiten zwitschern (Twitter), eine für das Taxi (mytaxi), (mindestens) eine zur Partnersuche (Tinder), eine zum Telefonieren mit Freunden im Ausland (Skype), eine App für die deutsche Bahn, und so weiter und so fort.

wechat - eine App ein ganzes Leben

Sprung nach Shanghai. Die Zukunft ist heute. China ist mit 1,3 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Welt und allein aufgrund seiner Größe in vielen Dingen recht kompliziert. Nicht aber, wenn es um ihr allerwichtigstes Gut geht: Das Handy. Denn hier gibt es genau eine App; ein Monopol unter den Anwendungen, welche den Nutzern reicht, um ihren kompletten Alltag damit zu organisieren.

800 Millionen User zählt diese App WeChat – hauptsächlich wird sie in China genutzt, aber auch in Übersee von Chinesen, die in Kanada oder Australien leben. Das besondere an wechat ist: Es erübrigen sich damit alle oben genannten Servicedienste, wie wir sie aus unserem fragmentierten App-Markt kennen, denn bei wechat ist alles auf einer Plattform vereint: Egal ob es darum geht, eine Jeans im Laden zu bezahlen, Geld zu transferieren, mit Freunden zu chatten, ein Taxi zu bestellen, Lebensmitteleinkäufe zu erledigen, sich in öffentliche W-Lan-Netze einzuloggen, Flüge oder Bahntickets zu buchen, einen Tisch im Restaurant, Kino- oder Theatertickets zu reservieren: „Alles was du dir denken kannst“, sagt mir Lucy, eine 29 jährige Shanghaierin. „Einfach alles. Ich benutze kein Bargeld mehr. Würde mir mein Portemonnaie gestohlen, wäre das für mich wenig schmerzvoll. Wenn mein Smartphone weg ist, wäre das eine Tragödie: Da steckt mein Leben drin!“

 

Ein unbekannter Riese

Wechat heißt auf chinesisch Weixin und dahinter steckt die milliardenschwere Pekinger Firma Tencent. Tencent? In Deutschland ist der Name kaum ein Begriff. Und doch gehört sie neben Amazon, Google und Facebook zum Club der größten Internetunternehmen der Welt und ist der profitabelste Techkonzern Asiens.

 

Full-Service-Plattform

Wer dachte, digitale Innovation käme ausschließlich aus dem Silicon Valley, ist weit gefehlt: 2011 fing Tencent an, seine Messenger-App fleißig weiterzuentwickeln und um Service über Service anzureichern. Heute gibt es kaum einen kleinen Kiosk an der Ecke, der nicht an den wechat-Bezahldienst angeschlossen ist. Wenn also US-Schwergewichte wie Uber und Facebook stolz eine neue Partnerschaft bekannt geben, welche es Kunden erlaubt, per Facebook-Messenger eine Uber-Fahrt zu buchen, dürften dies die Chinesen nur seicht belächeln. Es sind die US-Firmen, die krampfhaft versuchen nachzuziehen, und ihrerseits ihre Plattformen zu Allroundern auszubauen.

Ende März hat CEO Ma Huateng, der die Firma 1998 gründete, die Zahlen von 2016 bekannt gegeben: Tencent erwirtschaftete umgerechnet unglaubliche 20,42 Milliarden Euro Umsatz – ein Plus von 48% im Vergleich zum Vorjahr. Wachstum gab es dabei in allen Bereichen: 25% beim Online-Gaming, 45% Onlineadvertising und „restliche Bereiche“ wie Cloud Service oder Zahlugssysteme um sagenhafte 289% auf 8,29 Mrd Renminbi. Dies bedeutet zugleich einen Sprung des Netto-Gewinns von 42 Prozent auf 5,57 (!) Milliarden Euro – das sind Zahlen, von denen kaum jemand in Deutschland überhaupt zu träumen vermag.

 

Nicht ohne Zensur

Eins der wichtigsten Ziele hinter der Software-Universallösung ist es natürlich, so viele Nutzerdaten wie möglich zu generieren, um den Kunden noch persönlicher ansprechen zu können. Um noch passgenauere Angebote für Werbende zu ermöglichen. Egal ob Facebook, Google oder Weixin: Daten sind das „Endgame“ und je mehr die Anwendung zum Zentrum des Lebens wird, desto mehr Informationen geben die Nutzer darüber frei. Weixin dürfte sich also zu einem der größten Datenhüter der Welt hochgearbeitet haben: Sein Informationsschatz ist beträchtlich – aber nicht frei von Zensur. So haben Studien der Uni Toronto und dem Citizen Lab ergeben, dass bei WeChat tief ins System eingegriffen wird: Chats werden beispielsweise nach anstößigen Begriffen durchsucht und diese daraufhin gelöscht. Während eine solche Studie in Deutschland doch für große Aufmerksamkeit und viel Diskussionsstoff gesorgt hätte, scheint dies den Chinesen scheint relativ egal zu sein. Ohne wechat wäre ihr (digitales) Leben eben nicht mehr vorstellbar.

 

Dauereinsatz

Gerade in den Großstädten wie Shanghai oder Peking ist das Smartphone durchgehend in Aktion: Egal wo die Chinesen gehen, wo sie stehen, wo sie warten. Egal ob im Fitnessstudio auf den Laufband, während (!) der Fitnessübungen, im Kino und im Restaurant: Nirgendwo wird das Handy aus der Hand gelegt, vielerorts beobachtet man, wie es die menschliche Kommunikation erübrigt. Freunde sitzen zwar physisch nebeneinander, aber sind aktiv in der Onlinewelt. Paare sind gemeinsam in einem Cafe, aber kommunizieren nicht miteinander, sondern über ihre Handys. Statistiken aus dem Jahr 2016 haben ergeben, dass unter den Internetusern in China 94% am Smartphone sind – in den USA liegt diese Zahl nur bei 70%. Die Chinesen nutzen ihr Handy im Schnitt 49 Stunden pro Monat – in den USA sind es nur 45 Stunden. Dabei haben nur circa 50% der chinesischen Bevölkerung Internetzugang – gegenüber 95% in den USA. Wenn dann findet die Internetnutzung hauptsächlich über das Smartphone statt - viele besitzen gar keinen Laptop oder ein Tablet.

 

Wenn Tencent sich einen neuen Slogan suchen müsste, könnte es dieser sein: „The future belongs to those who prepare for it today“. Früh erkannten sie, dass es sich lohnen würde, alles auf Mobile zu setzen. Heute ist Tencent mit einem geschätzten Marktwert von 100 Milliarden US Dollar sogar noch schwerer als ihr berühmter Konkurrenz Alibaba.

 

Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in der t3n unter dem Titel: Tencent - Wie der heimliche Internet-Riese zum profitabelsten Internetkonzern Asiens wurde. 


 

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