Internationales

Von major fuckups – und anderen Lernerfolgen

Internationales

Alle, die von Fuck Up Nights noch nie gehört haben, muss ich zunächst einmal beruhigen (oder je nach Erstassoziation vielleicht enttäuschen): Diese haben nichts mit Sex zu tun!!!!! Fuck-up Nights wurden erstmalig in Mexiko veranstaltet und eroberten nach der überwältigenden positiven Resonanz die ganze Welt: Heute finden die Events in über 100 Städten auf der ganzen Welt statt – rund 10.000 Zuhörer lauschen monatlich den Fuckup-Geschichten der geladenen Sprecher.

Die Idee dahinter ist so simpel wie bestechend: Woraus lernt man am meisten? Genau richtig, aus Fehlern. Aus Fehlversuchen. Aus großen Ausrutschern und dem anschließenden wieder-auf-die-Beine-Kommen. So entstand die Idee, ein Veranstaltungsformat zu etablieren, bei dem es nicht um Erfolgsblabla und schlimmstenfalls furchtbar "salesy"-Unternehmens-PR geht, sondern wo Unternehmer erzählen, warum sie mit Projekten scheiterten und was sie daraus gelernt haben.

Dies passt natürlich perfekto zu einem der derzeitigen Lieblingsthemen der deutschen Gründer- und Unternehmerszene: Es heißt, hierzulande gäbe es keine Kultur des Scheiterns. Und dass es immer noch zu wenig mutige Nachwuchs-Enterpreneure gibt, weil viele einen Fuck-up fürchten. Und es dann einfach lieber gar nicht erst probieren. Stimmt bestimmt. Aber: Wie viel bringen schaurig-schöne Scheitergeschichten Anderer? Wie viel kann man wirklich aus Fremdfehlern lernen?

In Hamburg besuchte ich zum ersten Mal eine solche Fuck-Up Night und muss wirklich sagen: Man lernt viel. Es war ein unterhaltsamer, durchaus erkenntniserweiternder Abend.

„Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“ (Dietrich Bonhoeffer) ist wohl das Motto einer jeden Fuckup Nacht. Daher gilt hier: Ich gebe zu, ich habe total abgefuckt.

Es gilt, unsere Gesellschaft für das Scheitern zu sensibilisieren und dies gelingt, wie bei vielen anderen Themen, auch eben nur durch Vorbilder. Den vorbildlichen Beginn des Abends machte Jonas Piela von Avuba - einer peer2peer fintech app. "Mit welchen Fuckup soll ich bloß anfangen?" Fragt er schmunzelnd- und legt los. Er erzählt davon, wie er und sein Unternehmen von Anfang an viel „Hype“ und mediale Aufmerksamkeit erfuhren, dann aber schlichtweg nicht das liefern konnten, was sie immer versprochen hatten. Realität und Utopie klafften weit auseinander. Doch den Realitätscheck hatten auch die Medien nicht gemacht: Sie fragten viel-  aber eben nie richtig nach....Der Coolness-Faktor reichte der Presse- dem Unternehmenserfolg von Avuba jedoch nicht. So ging Avuba unter, verbrannte dabei viel Geld, entschied dann zu pausieren. Und erfand sich später unter gleichem Namen neu. Erfolgreich. Die Achterbahnfahrt des Fuckups hat Jonas in einer klugen Graphik veranschaulicht- in der sich bestimmt der ein oder andere Gründer wiederfindet ;-)

Weiter ging es mit Clas Beese, der ebenfalls sein Fintech-Startup finmar mit wunderbarer Wucht an die Wand gefahren hatte. Dieses erholte sich im Gegensatz zu Avuba jedoch nicht mehr. Clas musste sich letztlich, nach langen hart umkämpften Jahren eingestehen, dass das Geschäftsmodell nicht funktionierte und niemals funktionieren würde. Er machte die Bude dicht – eine extrem schmerzliche Erfahrung. Doch: Manchmal ist eben doch Rückzug der beste Schachzug. Dabei fing alles doch alles perfekt an: Keiner hatte Ahnung von Fintech, aber alle glaubten an die Genialität ihrer Gründungsidee. Sie "googelten dann mal was eine Banklizenz kostet" berichtet Beese, und fanden heraus, dass die ab 10 Millionen Euro losging. Ehhhhh und sie wohl eine andere Lösung finden mussten. Das taten sie und überkamen das Problem mithilfe einer Partnerschaft. Das finmar Team legte fröhlich los: "So ein bisschen Software, die noch dazu gehörte, das ist doch schnell gemacht". Dachten sie. 80 Manntage später........

Dann endlich, nach langem Hinarbeiten und Fiebern war der große Moment des Launches gekommen und was passierte? Natürlich nichts. Rein gar nichts. Die Unternehmung scheiterte. Rückblickend sagt Clas, er wünsche jedem schneller und günstiger zu scheitern. Man solle weniger perfektionistisch sein und lieber mit einem noch nicht-100% perfekten Produkt an den Markt gehen: Um es live und mit echtem Kundenfeedback austesten zu können. Im Kämmerchen rumprobieren und nur darüber zu reden: Das verschwende nur Zeit.

Der dritte und letzte Speaker des Abends war Stefan Herbst – heute bekannt für Haftpflicht Helden. Er weiß ebenfalls wie es ist, ein, zwei höchst erfolgreiche Fuckups durchzuleben. Er sagt: Das Problem sei nicht das Scheitern selbst, sondern die Tatsache, dass Deutschland eine regelrechte Fehlerphobie habe. Daher wirbt er für eine größere Fehlertoleranz und Fehlerkultur in unserem Land. Interessanter Weise nimmt er aber auch eine drastische Haltung ein: Aus Fehlern könne man nur bedingt lernen. Man müsse jedes neue Unternehmen als einen „leeren Bilderrahmen“ sehen und dürfe sich genau nicht mit seinem Rucksack voll Erfahrungen von vorherigen Fehlversuchen in Entscheidungen für die neue Unternehmung leiten lassen. Mut sei die entscheidende Kompetenz für Startups – egal was vorher war, und vor allem egal was andere sagen. Er ist der Meinung: Ratschläge sind auch ein Schlag. Man solle lieber eigene Erfahrung machen, als auf fremde Ratschläge zu hören. „Die Tapferen halten aus, die Mutigen verändern“ schließt er ab – aus den Aphorismen des Abends könnte ich ein ganzes Buch füllen.

Immerhin kam bei allen Speakern raus: Rückblickend auf das Scheitern gucken, macht durchaus Spaß und man lernt viel über sich und über das Unternehmertum. Sie sind erfahrener geworden, reifer und eben nicht mehr die Grünschnäbel, die sie damals waren. Und alle aktuellen Vitas sprechen letztlich für sich: Der Fuckup hat sich immerhin gelohnt smiley

 

’’Verlass dich nicht auf andere. Mach deinen eigenen Fehler.‘‘ (Manfred Hinrich)

zurück zur Übersicht

mit freunden Teilen:

Verwandte Themen: