Kommunikation

Interview mit Christina Wunder: EU-Pressereferentin und Gründerin des Online-Magazins Chapter One!

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  Ich habe Christina durch Ihr Onlinemagazin ChapterOne Mag kennengelernt - und stellte dann fest, dass sie dieses nebenberuflich aufgebaut hat und es noch neben einem vollgepackten Arbeitstag betreut! Christina ist nämlich als Pressereferentin in der Europäischen Kommission tätig. Da ich selbst in London meinen Master in Politischer Kommunikation gemacht habe, fand ich ihre Einblicke so spannend, dass ich sie gebeten habe, mir ein paar meiner dringensten Fragen zu beantworten. Hier also ein weiteres Interview aus der Serie "Kommunikatoren hinter den Kulissen".... Viel Spaß beim Lesen!

 

 

Christina, du bist Pressereferentin der Europäischen Kommission - wie kann man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen?

Christina Wunder: Mein Tag fängt eigentlich morgens schon damit an, dass ich zu Hause auf meinem Handy die Presse durchsehe. Dabei beschäftigen mich die Fragen: Was treibt die Medien heute um? Welche meiner Themenbereiche werden diskutiert? Welche Stories, Neuigkeiten, Kritikpunkte werden von Journalisten in Europa und außerhalb aufgegriffen? Und was müssen wir dem entsprechend im Laufe des Morgens kommentieren? Wozu müssen wir Stellung nehmen? Zu wissen, was im Laufe des Vormittags auf mich zukommt – und das ist jeden Tag was anderes – hilft mir, halbwegs gewappnet im Büro einzutreffen, um mich dann zusammen mit meinen Kollegen inhaltlich vorzubereiten.

Jeden Tag um 12 Uhr findet bei uns in der EU Kommission unsere tägliche Pressekonferenz statt. Hier können Journalisten alle Fragen stellen und alle Informationen anfordern, die sie für ihre Arbeit brauchen. Zu meinen Aufgaben als Pressereferentin gehört es also zum Beispiel, Stellungnahmen vorzubereiten, Pressemitteilungen zu schreiben oder Interviews zu koordinieren und inhaltlich vorzubereiten. Oder ich führe Hintergrundgespräche mit Journalisten, um ihnen einen tieferen Einblick in die oftmals komplexen Themen der EU zu geben. So ein Arbeitstag vergeht dann normalerweise wie im Flug.

 

Was für inhaltliche Themen bewegen dich derzeit besonders?

Christina Wunder: In unserem Team hat jeder Kollege und jede Kollegin ihren Themenbereich. Ich kümmere mich hauptsächlich um die Entwicklungszusammenarbeit sowie die internationalen Beziehungen der EU. Damit habe ich in der Regel auch beide Hände voll zu tun. Denn momentan sind die Herausforderungen weltweit so groß und so vielzählig, dass kein Land alleine damit fertig werden kann – auch wenn einige nationalistisch geprägte Bewegungen das Gegenteil behaupten. Europäisch und global koordinierte Lösungen werden immer wichtiger, ob es nun um die sogenannte "Migrationskrise", um Fake News oder den Klimawandel geht.

 

Was sind für dich die größten Herausforderungen in der politischen Kommunikation?

Christina Wunder: Eine Herausforderung, die für mich auch den Reiz an meinem Job ausmacht, ist die Unmittelbarkeit meiner Arbeit. Wir müssen immer auf zack sein und schnell reagieren. Was ich sage oder schreibe steht idealerweise später in der Zeitung, oder wird von TV- oder Nachrichtenmagazinen aufgegriffen. Natürlich ist nicht alles was geschrieben wird positiv, aber das gehört dazu.

Mein Zielpublikum sitzt in Brüssel, in Europa und auch außerhalb, beispielsweise in Afrika oder Lateinamerika. Das macht das Ganze doppelt anspruchsvoll, aber auch spannend: Zum einen ist da die Sprache. An einem regulären Arbeitstag benutze ich alle Sprachen, die ich beherrsche – Deutsch, Englisch, Russisch und Französisch – je nachdem, mit welchen Journalisten aus welchem Land ich gerade zu tun habe. Ehrlich gesagt fühle ich mich in einem abwechslungsreichen und internationalen Umfeld besonders wohl, das ist auch der Grund warum ich mich für Brüssel als Arbeits- und Wohnort entschieden habe.

Zum anderen ist bei der politischen Kommunikation der Inhalt entscheidend: Jede Neuigkeit und jede Botschaft muss auf das jeweilige Land oder die jeweilige Region angepasst werden. Journalisten in Frankreich interessieren sich für andere Teilaspekte einer Neuigkeit, als jene in Deutschland, Mali oder Venezuela. Das muss man bei jeder Pressemitteilung und jedem Interview stets im Hinterkopf behalten.

 

Erlaube eine Metafrage: Glaubst du, dass die EU insgesamt noch ein Kommunikationsproblem hat? Wenn ja, wie kann dies gelöst werden?

Christina Wunder: Politische Kommunikation ist immer schwierig. Es gibt genügend Untersuchungen die belegen, dass Menschen Emotionen über Sachdebatten setzen und Ängste über Fakten. Das heißt konkret: Ein Populist mit einer deutlichen, aber falschen Aussage hat immer einen deutlichen Vorteil gegenüber denen, die mit einer fundierten und logischen, aber wohl komplizierteren Botschaft daherkommen.

Die EU macht viele Dinge richtig – siehe Roaming, Erasmus oder Reisefreiheit – und manche Dinge falsch. Insofern hat die EU glaube ich dieselben Kommunikationsprobleme, wie nationale Regierungen, Parteien und Politiker auch. Um zu verhindern, dass Populismus und eine allgemeine Anti-alles-Haltung überhand gewinnt, müssen wir alle anpacken und vor allem den Mund aufmachen! Darüber habe ich zum Beispiel neulich auch bei Huffington Post geschrieben. Nach dem Ausgang der letzten Bundestagswahl, in der fast 6 Millionen Menschen die rechtspopulistische AfD gewählt haben, ist dies wichtiger denn je.

 

Du bist von der Selbstständigkeit (stimmt doch oder? :) als Redakteurin und Gründerin des Onlineportals Chapter One Magazin zu einer Stelle im öffentlichen Dienst gewechselt. Fiel dir der Übergang schwer? Womit hattest du zu Beginn am meisten zu kämpfen?

Christina Wunder: Ich war tatsächlich nie ganz selbstständig, auch wenn ich nebenberuflich seit Jahren als freie Autorin, Übersetzerin und Speakerin tätig bin. Das Chapter One Mag ist ein kreatives Nebenprojekt, mit dem ich ursprünglich meinen Berufseinstieg dokumentieren wollte – für mich selbst und auch für andere, denen unterwegs vielleicht ähnliche Probleme begegnen wie mir. Das ist für mich in vielerlei Hinsicht super. Ich kann mich frei ausdrücken, kreativ sein, einfach drauf losschreiben; das ist die eine Seite der Medaille. Aber mindestens ebenso wertvoll ist für mich, dass ich mich mit anderen interessanten Menschen auszutauschen kann, von ihren Erfahrungen lerne, sowie anderen Berufseinsteigern eine Plattform bieten- und sie zu Wort kommen lassen kann.

Das ist für mich ein prima Ausgleich zu meinem eher seriösen Arbeitsumfeld, und ich würde tatsächlich keinen dieser beiden Aspekte missen wollen.

 

Wie bist du dazu gekommen, dich in der EU Kommission zu bewerben? Wie funktioniert das Auswahlverfahren?

Christina Wunder: Damals nach meinem Studium habe ich ein Praktikum bei der EU Kommission gemacht. Das Auswahlverfahren für so ein Praktikum findet zweimal im Jahr statt, und läuft in drei Stufen ab (alle genauen Hinweise gibt es hier). Ich kann übrigens nur jedem raten, sich von dem komplizierten Auswahlverfahren nicht abschrecken zu lassen – bewerben lohnt sich immer. Zudem sind Praktika bei der EU mit €1.160 fair bezahlt, finde ich. Eine angemessene Entlohnung für Praktikanten finde ich enorm wichtig für Chancengleichheit: Meine Eltern hätten es mir nicht finanzieren können, in einer so teuren Stadt wie Brüssel umsonst zu arbeiten. Das sollte von niemandem verlangt werden.

Nach meinem Praktikum wurde ich noch eine Weile länger als Elternzeitvertretung beschäftigt, bevor ich nach Deutschland ging, um für ein Forschungszentrum, bzw. das Bundesministerium für Bildung und Forschung zu arbeiten. Im Frühjahr 2016 meldete sich die Kommission dann über LinkedIn bei mir und fragte, ob ich nicht Lust hätte, zurückzukommen; sie würden jemanden wie mich suchen. Da habe ich natürlich nicht lange gezögert und zugesagt.

Diese Arbeit, die fachlich anspruchsvolle Inhalte und Kommunikation miteinander verbindet, macht mir enormen Spaß. Hier kann ich meine Talente und Leidenschaften sehr gut ausleben. Komplizierte Dinge verständlich zu erklären war schon immer mein Ding: Ob als Studentin in der Uni, wo ich meinen Kommiliton*innen BWL und VWL immer anhand von Schuhen und Handtaschen erklärte, oder als Lehrassistentin in England, wo ich jungen Briten die deutsche Grammatik anhand von Spielen und Metaphern näherbrachte.

 

Ich bin extrem dankbar, dass ich einen Job habe, der mir Spaß macht, abwechslungsreich ist und mich stets fordert – und dass ich mit dem Chapter One Mag die für mich perfekte Balance gefunden habe.

 

Liebe Christina, ganz lieben Dank für das spannende Interview!

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