Kommunikation

Sapere aude! Wie wäre es mit einer Aufklärung 2.0?

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„Befreit euch von der selbstverschuldeten Unmündigkeit!“, forderte schon Immanuel Kant zu Zeiten der Aufklärung.

Er erklärte:

„(...)Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Schon immer hat mich dieser mächtige, bewegende Aufruf an die Denkmaschine jedes Einzelnen zutiefst beeindruckt. Gerade jetzt, im Zeitalter großer Verunsicherung, ja gesellschaftlicher Überforderung wie Handelsblatt Gabor Steingart jüngst titelte, ist Sapere Aude wieder aktueller denn je geworden. Wo immer Gefühle der Angst, der Unsicherheit und Machtlosigkeit die Gesellschaft beherrschen, da schlägt die Stunde derer, die aus genau diesen Gefühlen Profit schlagen wollen und oft auch können: Populisten, Demagogen, Protektionisten, Befürworter der Extreme, die mit einfachsten rhetorischen Mitteln und noch einfacheren, aber starken, mit hohen Versprechen belegten Aussagen die Taubheit ihrer Anhänger ausnutzen.

Natürlich denke ich bei dieser Argumentation gerade an Donald Trump, der vergangene Woche zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gekrönt wurde. Wer hätte dies jemals erwartet? Ein Immobilienhai ohne jegliche Politikerfahrung, dafür aber erfahren in der lauten Äußerung hässlicher Kommentaren gegen Frauen, Farbige, Behinderte. Wie konnte dies kommen? Sind die 62 Millionen Wähler, die Donald Trump im November 2016 zum neuen Präsidenten der USA gewählt haben, schlichtweg dumm?

Nein, natürlich ist das viel zu kurz gegriffen. Aber doch haben sich viele von ihnen in genau so eine selbstveschuldete Unmündigkeit begeben, von der Kant uns einst lossagen wollte. Sie haben sich durch ihre Gefühle der Frustration und Angst, aber ohne jegliches Zurückgreifen auf ihren gesunden Menschenverstand, ohne ein Zurückgreifen auf Fakten, ohne ein Hinterfragen der Trumpschen Macht- und Kampfansagen in das Lager Trump ziehen lassen.

Vielleicht ist es Zeit, für eine neue Aufklärung. Für eine Aufklärung 2.0.

Diese neue Aufklärung sei also ganz im Sinne Kants als Akt des Muts begriffen, sich ein eigenes Bild zu machen. Seinen eigenen Geist anzustrengen. Sich zu informieren. Faktenchecks zu machen. Stimmt es wirklich, dass Flüchtlinge uns Arbeitsplätze wegnehmen oder bereichern sie eventuell mit ihrer Arbeitskraft unser Land? Würde ein Abschotten der amerikanischen Wirtschaft, wie Trump es fordert, nicht auch bedeuten, dass im Ausland weniger amerikanische Waren abgenommen werden? Wäre dies gut oder schädlich für ein exportfreudiges Land?  Hat Obamacare wirklich eine große finazielle Belastung für jeden Bürger bedeutet? Hat es ein Chaos verursacht, wie viele Republikaner behaupteten? Oder hat es Millionen von Amerikanern eine Gesundheitsvorsorge, wie sie in allen anderen hoch entwickelten Industrieländern längst gang und gäbe ist? Faktencheck.

Diese Aufklärung würde in der heutigen Zeit auch bedeuten, sich nicht nur die einem selbst vertrauten Medien zu konsumieren. Die "Bubbel" zu verlassen, die uns durch ein gut funktionierendes Filtersystem das sehen und lesen lässt, was unseren Interessen entsprecht. Das rechte Spielfeldrand sollte die taz auf den Tisch bekommen, den Spiegel oder die New York Times. Liberale und was wir der Tage als "die Elite" beschreiben, sollten sich zum besseren Verständnis durchaus einmal der Lektüre von Breitbart widmen, oder FOX News schauen. Auch hier kann man viel lernen.

Sapere aude!

Habt Mut, euch eures eigenen Verstands zu bedienen!

 

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