Kommunikation

Wörterbuch der Moderne: Zeit für neue Definitionen alter Begrifflichkeiten

Kommunikation

Philosoph Peter Sloterdjik ist ein Sprachjongleur der Extraklasse. Als einer der bedeutendsten Philosophen des Hier und Jetzt, ist er wortgewandt und laut. So äußerte er sich zuletzt im Handelsblatt bezüglich des Themas Umgang mit Sprache.

Ähnlich wie ich in meinem letzten Artikel für die neue Aufklärung argumentierte, ist er der Meinung, dass die Angst und das Gefühl der Überforderung der heutigen Zeit auch auf ein altmodisches Verständnis von Begrifflichkeiten aus dem Alltag zurückzuführen ist.

Er fordert einen neue Auseinandersetzung mit alten Termini. Man solle sich doch bitte, so Sloterdjik: „Vom Leiden an den Umständen zum Luxus ihrer Behandlung in Sprache übergehen.“

Was zur Hölle will er uns nun wieder damit sagen?

Sloterdijk ist der Meinung, viele Probleme des heutigen Zeitalters bedürften zunächst einmal einer Korrektur des Verständnisses der Begriffe:

Wenn zum Beispiel die "Gesellschaft" nicht als ein homogener, in sich geschlossener Kreis verstanden wird, sondern als eine offener, sich stets im Wandel und Austausch befindende Gruppe von Menschen mit gesundem Abstand- aber gleichzeitigem Respekt voreinander, dann könnte dies die Sicht auf die derzeitige Flüchtlingsthematik und Angst vor Einwanderern ändern.

 

Sloterdjik präsentiert daher im Handelsblatt ein „Wörterbuch der Moderne“. Dies fand ich einen so interessanten und wichtigen neuen Denkansatz, dass ich gern ein paar sind ein paar Beispiele seiner Vokabeln vorstellen möchte:

 

  • Die Frage des „wir“ beantwortet er wie folgt: „Wir sind, sobald wir vor die Tür treten, immer schon Bürger dreier Welten – des Stamms, der Nation, der Weltgesellschaft.“

Also: Wenn wir uns nicht nur als „ich“ und „die“ oder „die anderen“ oder „die da drüben“ verstehen, sondern als Teil eines Ganzen; einer Weltgesellschaft, dann könnte dies dazu führen, dass wir nicht mehr gegeneinander kämpfen, sondern endlich für- und miteinander.

  • Die Gesellschaft sollte laut Sloterdjik wie folgt definiert werden: „Es liegt in der Natur der Dinge, dass die Gesellschaft – als Aggregat von Lebensräumen und Ritual-Spielen aufgefasst – zugleich ein System von Abständen sein muss."

Wir müssen also nicht innerhalb dieser Schicksalsgemeinschaft, die wir als Gesellschaft bezeichnen, von einer unumgänglichen Nähe zu jedermann ausgehen. Vielmehr sollte es darum gehen, einen wohlfühlenden Abstand voneinander bewahren zu dürfen, sich aber mit Respekt und Fairness gegenüber einander verhalten.

  • Familie: "Der Umgang mit Personen im Nähe-Raum – Verwandte aus Blutsbeziehungen und Verwandte aus Sympathie umfassend. Die perfekte Balance zwischen Exklusion und Inklusion."

Viel vom toleranten Miteinander kann man sich aus gut funktionierenden Familienbeziehungen ableiten. Auch hier haben wir uns unsere Verwandschaft nicht ausgesucht – doch ändern können wir es nicht, dass wir miteinander verbunden sind. Auch wenn wir nicht jeden aus der Sippe mögen, auch wenn wir nicht immer mit jedem Zeit verbringen möchten, so schließen wir niemanden auf Familienfeiern aus, verhalten wir uns höflich und respektvoll (ist ja schließlich Familie!).

  • Auch zum Populismus macht Sloterdjik sich Gedanken: „Offenbar sind nicht alle bereit, das neue zeitpolitische Paradigma zu akzeptieren, da sie es als ein Programm für den offenen Raub an ihren Identitätsbesitztümern empfinden.“

Auf deutsch: Selbst wenn wir uns als Gesellschaft öffnen, multikultureller und bunter werden, bedeutet das nicht, dass man traditionelle, familiäre oder nationale Werte und Kulturgüter aufgibt. Die Offenheit sollte als Bereicherung verstanden werden, nicht als Angriff oder Raub.

  • Und was für eine Definition hat Sloterdjik für das Prinzip Zuversicht? Man solle doch bitte nicht alles so furchtbar ernst nehmen. Auch Augenzwinkern helfen.  „Ironie liefert ein wirksames Gegengift zur Empfindung der Ohnmacht.“

 

Ich weiß nicht, inwieweit das neue Wörterbuch der Moderne den Geschmack Kants getroffen hätte, aber der Ansatz ist richtig: Lasst uns noch einmal über die Grunddefinitionen alltäglicher, aber substanzieller Begriffe nachdenken. Sie hinterfragen. Sie für sich selbst definieren. Sie gegebenenfalls neu definieren. So findet gleichzeitig auch eine neue Beschäftigung mit (den Hintergründen) der gesellschaftspolitischen und sozialen Zerrissenheit statt – Verständnis und Klarheit als ersten Schritt gegen die gefühlte Machtlosigkeit und das Grau-in-grau um uns herum. Dann eine neue Aufklärung und ein neues Licht auf alte Begriffe. Das Licht strahlt auch auf neue Zuversicht. Die alten Ängste werden in den Schatten verlagert.

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